Kenny Fries







Kenny Fries

Behinderung kann dir das Leben retten

für Stacey Park

      
In den Richtlinien hieß es:

Wenn Sie zum Arzt müssen, fahren Sie nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Nehmen Sie kein Taxi.

Ich dachte:

Das setzt voraus, dass man in fußläufiger Entfernung zur Praxis wohnt. Oder man besitzt ein Auto.

Auf Facebook postete ein Freund:

Jemand in seinem mit einem Fahrstuhl ausgestatteten Mehrfamilienhaus in New York hat den Virus.

Wenn er keinen Hund hätte, würde er die Treppen nehmen.

Ich dachte:

Viele meiner Freunde mit Behinderung können keine Treppen nehmen.

Uns wird gesagt:

Vermeiden Sie engen Kontakt mit anderen.

Ich dachte:

Viele meiner Freunde mit Behinderung benötigen jeden Tag mehrere Assistenten, um ihren Alltag zu leben.

Mein schwerhöriger Freund sagte:

Ich kann meinen Freund nicht hören, wenn wir 1,5 m Abstand halten.

Ich kann durch eine Maske hindurch nicht von seinen Lippen lesen. Ich lese:

Es gibt Masken, bei denen die Mundpartie sichtbar ist.

In Alabamas Krisenprotokoll zur Triage stand:

Von der Behandlung von Personen mit geistiger Behinderung ist abzusehen. Ich dachte:

Eugenik.

Im Krisenprotokoll für den Staat New York stand:

Beatmungsgeräte sind denjenigen zu entwenden, die sie im täglichen Leben nutzen. 

Ich dachte:

Dass das Leben von Menschen mit Behinderungen nicht als würdig erachtet wird, habe ich schon immer gewusst.

Meine Freundin in Kalifornien sagte:

Sie kann ihr Medikament zur Regulierung von Lupus nicht mehr bekommen.

Ich dachte:

Es gibt viele Möglichkeiten, uns zu töten.

Ich dachte auch an Folgendes:

Die Geschichte über 9/11 im dritten Teil meines Buchs In the Province of the Gods:

 “Ich weiß, dass ich diese Geschichte gelesen habe, aber ich weiß nicht mehr, wo ich sie gelesen habe. In einem der Türme war eine verletzte Frau. Jemand – ein Feuerwehrmann? Ein Kollege? Ich erinnere mich nicht – fand sie und machte sich daran, sie die Treppen hinunter zu bringen. Obwohl sie wusste, dass die Zeit drängte, obwohl ihr angehender Retter ihr immer wieder sagte, dass keine Zeit zum Halten bliebe, zwangen ihre Schmerzen im Bein sie, stehen zu bleiben. Sie konnte nicht ohne eine Pause weitergehen. Mit dem Retter blieb sie auf einem Treppenabsatz in der Nähe einer Tür stehen.

Während sie auf dem Absatz warteten, ging die Treppe unter ihnen in Flammen auf und stürzte ein. Der Retter packte die Frau und schob sie durch die Türöffnung. Sie fanden eine weitere intakte Treppe, über die sie sich in Sicherheit bringen konnten.

'Wenn sie nicht angehalten hätte, um Luft zu holen, wenn sie nicht verletzt gewesen wäre und ihr Bein nicht so wehgetan hätte, wären wir beide auf dieser brennenden Treppe gewesen. Wir wären mit Sicherheit gestorben, als sie einstürzte’, sagte der Retter.”

Man sagte uns immer:

Student*innen und Dozent*innen mit Behinderung könne nicht ermöglicht werden, online zu arbeiten.

Jetzt sagt man uns:

Wir müssen online lernen und unterrichten.
  
Wir haben immer gesagt:

Wir wollen nicht in Institutionen wie Pflegeheimen leben.

Jetzt kennst du:

Die Gefahren von Pflegeheimen, in denen Tausende gestorben sind.

Man sagt uns:

Wir können niemanden im Krankenhaus bei uns haben.

Wir wissen:

Es ist gefährlich, im Krankenhaus alleine gelassen zu werden.

Man sagt uns:

Du bist verletzbar. Du bist entbehrlich.
Ich weiß:

Der Disability Justice Culture Club, ein Kollektiv von neurodivergenten queeren Menschen und People of Color mit Behinderung, glaubt an gegenseitige Hilfe.
Sie verteilen Hygiene-Sets an Obdachlose.

Wir wissen:

Behinderung kann dir das Leben retten.
      

How Disability Can Save Your Life ist eine Mischform zwischen Gedicht und Essay, eine Collage, die auch eine kurze Passage aus meinem Buch In the Province of the Gods sowie wichtige geschichtliche Referenzen, einschließlich der Tötung von Menschen mit Behinderung im Programm der Nazi-Aktion T4, enthält. Obwohl ich diesen Text inmitten der COVID-19-Pandemie geschrieben habe und er auf den ersten Blick die Unsicherheiten und Gefahren dieser Zeit behandelt, geht es auch um Missverständnisse darüber, was ein behindertes Leben ausmacht, um Missverständnisse, die eine ganz eigene Pandemie darstellen. In diesem Text wird der gegenwärtige terrorisierende Kreislauf von Gefahr und Angst durch das unterbrochen, was ich schon immer gewusst habe: Wenn die Behinderung in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt wird, dorthin, wo sie hingehört, werden viele der Missstände in unserer Gesellschaft deutlich und können dadurch verändert werden. Das zeigt sich nicht nur in unserem Alltag, der inzwischen de rigueur voller Erfahrungen ist, die diejenigen von uns mit Behinderungen lange Zeit als normal betrachtet haben, sondern auch in Gruppen wie dem Disability Justice Social Club in Oakland, Kalifornien, die für ihre Interessen eintreten und sich für gegenseitige Hilfe einsetzen. Es ist diese scheinbar auf den Kopf gestellte Welt, die wir heute nur allzu gut kennen, mit der sich die Ausstellung Nonsenselessness befasst. Ich widme “How Disability Can Save Our Lives” Stacey Park, der Behindertenaktivistin des DJSC, die am 19. Mai an ihrem 33. Geburtstag an Ursachen starb, die nicht in Zusammenhang mit COVID stehen. #StaceyTaughtUs

"How Disability Can Save Your Life", 2020 Audiotext, 4:11 Min.
In Auftrag gegeben von Nonsenselessness © Kenny Fries